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                       Wissenswertes über die Taubheit bei Hunden

 Joy -  unsere Erfahrungen

Endlich wurde er wahr, unser Traum vom eigenen Bauernhof! Hühner waren schon da, unsere Pferde brachten wir mit - was fehlte, war ein Hofhund.
Ich hatte mich schon seit längerem mit der Suche nach einer geeigneten Rasse beschäftigt und stieß dabei auf den Australien Cattle Dog. Nach Erfahrungen mit zwei hektischen Border Collies ein ruhiger, wachsamer und doch aktiver Hund.
Die gibt es nun nicht so häufig und endlich fanden wir im Internet eine Anzeige, angeblich vier Monate alte Welpen, 200 km von uns, eine blaue Hündin, wie wir sie uns wünschten, war auch dabei - also packten wir noch am selben Abend ein paar Leckerli und die Kinder ins Auto und los ging`s.

Der sogenannte Bauernhof stellte sich beim Näherkommen als Baracke heraus, Pferde auf Stacheldrahtweiden, Hühner überall und ungefähr 8 freilaufende oder angekettete ACDs, ein Höllenlärm von Traktor und Holzspalter......Was sich so "Züchterin" nannte, begrüsste uns und dann ging`s zu den Welpen. Eine Hundehütte in einem Pferdeanhänger, total verdreckt und stockdunkel, wurde als „Aufzuchtbox“ bezeichnet.
Die beiden Hündinnen gebärdeten sich wie die Wahnsinnigen. Einmal am Tag werden sie herausgelassen, toben mit den anderen frei herum und werden wieder eingesperrt. Impfung, Wurmkur, Welpenfutter? Nie gehört, geschweige denn von einem Hörtest. Ja, man soll sowas nicht unterstützen....klar....aber eine dieser Hündinnen mussten wir einfach mitnehmen, am liebsten beide….. Die beiden sahen auch schon wesentlich älter aus als 4 Monate - aber wir suchten die dunklere der beiden aus und verfrachteten sie ins Auto (sie war dann auch ungefähr schon 7 Monate alt...)
Zum Glück haben wir einen Land Rover, da hatte sie schön Platz, denn Autofahren kannte sie natürlich noch nicht. Fast die ganze Fahrt hing sie über der Rückenlehne, liess sich nicht beruhigen durch gute Worte und Zureden, auch nicht durch Leckerli, nur Streicheln half ein bisschen.
Ein Kulturschock für die Kleine! Allein schlafen war natürlich auch nicht drin, also schlief ich drei Nächte auf der Couch. Sie konnte nur einschlafen, wenn meine Hand sie berührte, sobald ich die Hand wegnahm, wachte sie auf.
Immerhin, stubenrein war sie innerhalb von 2 Tagen, alles kann man nicht haben, dachten wir.

Im Stall und auf dem Hof war sie wirklich ganz cool, ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Den Industriestaubsauger, der nun wirklich einen Höllenlärm macht, behandelte sie als Spielzeug. Superanhänglich war sie ja und lief mir überall hinterher. Jedoch seltsamerweise keine Reaktion auf raschelnde Leckerlitütchen, Schlüsselklimpern, all die Dinge, auf die Border Collies immer wie die Raketen reagiert hatten.
Dann fing ich an, mit ihr "Sitz" zu üben. So ein sturer Hund, dachte ich, die will einfach nicht. Oder, ja, oder sie hört nichts....der Verdacht erhärtete sich.
Ich fing an, im Internet zu surfen und ja, da gab es viele ähnliche Erfahrungen.

Zudem fand ich heraus, dass die Rasse Australien Cattle Dog anfällig ist für Taubheit, da Dalmatiner mit eingekreuzt sind und die Welpen ebenfalls weiss geboren werden....
Also dachte ich mir ein Handzeichen für Sitz aus und siehe da, nach ein paarmal üben hatte sie es begriffen und es funktionierte 100%ig. Mein schlechtes Gewissen ist unbeschreiblich, wie oft hatte ich sie gestraft für etwas, was sie gar nicht hören konnte!
Im Internet fand ich eine Liste mit Handzeichen (www.tauberhund.de) und machte mich ans Üben.

Inzwischen hatten wir schon Tierarztbesuche, Stadtgänge und jede Menge Autofahrten hinter uns gebracht und uns zum Erziehungskurs (war ja nun leider wirklich kein Welpe mehr) angemeldet.

Trotz allem, manchmal hatte ich das Gefühl, sie hört doch. Sie drehte sich um, wenn ich sie rief oder reagierte auf Geräusche. Auf dem Hundeplatz benutzten wir einmal eine Schreckschuss-Pistole, aber es war auch da nicht ganz klar, ob sie die Bewegung gesehen hat oder den Schuss gehört hat....
So musste ich es genau wissen und meldete uns zum Audiometrie-Test in der Tierklinik in Zürich an. Das war sehr spannend und Joy war sehr brav. Eine Spritze sedierte sie leicht, auf einem Wägelchen wurde sie ins Testzentrum gefahren. Sie bekam Nadeln in die Kopfhaut gesteckt zur Messung der Hirnströme und zwei Ohrstöpsel. Links wurde ein Klicken, rechts ein Summen eingespielt und die Lautstärke langsam aufgedreht. Der Gesichtsausdruck des Tierarztes sagte schon alles....bei maximaler Lautstärke keine Reaktion von Joy...die aufgezeichnete Auswertung, wie bei einem EKG, zeigte für beide Ohren einfach eine gerade Linie (bei einem hörenden Hund werden die Höhen und Tiefen aufgezeichnet).

Taub. Da war sie nun, die wissenschaftlich bestätigte Diagnose.

Kein Schock, denn wir wussten es ja schon, aber trotzdem, ein kleiner Klumpen im Bauch blieb übrig. Mit einer kleinen Kamera fuhren wir dann noch die Gehörgänge ab, aber dort war alles normal.

Taubheit von Geburt an hiess also die Diagnose. 200 Schweizer Franken ärmer machten wir uns wieder auf den Heimweg, die kleine taube Joy und ich.

Ich muss sagen, von diesem Punkt an war alles einfacher. Sie zurückzugeben, stand nie zur Debatte, zu sehr war sie uns ans Herz gewachsen. Aber jetzt war für mich und alle, die dumme Fragen stellten, eine klare Aussage möglich - sie ist einfach taub und basta.

Inzwischen haben wir den Gehorsamskurs erfolgreich absolviert. Der Kurs war eher so für die  Schäferhunde-   Schutzhund- Fraktion gedacht und man zeigte nur wenig Verständnis für Joy und mich und nahm uns eigentlich nicht ganz ernst.

Mit der Einstellung „Jetzt erst recht“ waren wir am Ende sehr erfolgreich, da hat mancher nur gestaunt!
Anschliessend gingen wir - in einem anderen Verein - zum ersten Mal zum Agility.
Bei der Vorstellung sagte ich einfach nur, das ist Joy, ein Australian Cattle Dog und sie ist taub.
Die Ausbilderin reagierte überhaupt nicht, sie sagte bloss, Taub -  dann wird sie mehr auf Deine Körpersprache achten und wir müssen uns vielleicht ein paar Zeichen für die Geräte ausdenken. Punkt. Der nächste bitte.

Das war vielleicht das schönste Erlebnis bisher, das ich mit der Reaktion von anderen hatte! Einfach taub, na und.
Seither ist Agility Joy`s grosse Liebe, sie gibt sich grosse Mühe und unser Ziel ist die Teilnahme an einem Anfänger -Turnier.
Sie kennt die Kommandos für Sitz, Platz, Bleib, Fuss, Komm und wir arbeiten an Links und Rechts, sie kennt die Kommandos für Sprung, Tunnel, Sack und Steg und wir sind die Einzigen auf dem Agility-Platz, die lautlos arbeiten.
Natürlich spielt sie uns auch Streiche, geht Vögel jagen und schaut einfach nicht zu mir hin, um keine Kommandos zu sehen. Ab und zu schleicht sie sich davon und geht die Nachbarn besuchen, frisst Linzertorte vom Küchentisch und verbuddelt ihren Knochen in meinen Zimmerpflanzen.
Sie hat sehr viel Freiheit, ist den ganzen Tag draussen und hat tagsüber einen jungen Akita Inu zum Spielen und Toben.

Viele meiner Sorgen, z.B. dass ich sie nicht zum Ausreiten mitnehmen kann, im Dunkeln nicht freilaufen lassen kann, sie kein Wachhund wird, sie unkontrollierbar ist, haben sich nicht bewahrheitet!!! Joy achtet immer darauf, wo ich bin, sie lässt nie einen grösseren Abstand zu als max. 50 Meter, im Dunkeln bleibt sie noch mehr in meiner Nähe. Auf unseren Hof traut sich keiner - sie passt sehr gut auf und hat ein ganz feines Gespür (ausser sie schläft, aber das wissen ja die Leute nicht :-). Wie auch immer sie das macht, aber sie erkennt Autos - ohne sie zu sehen, weiss sie genau, dass jemand kommt und sogar, wer da kommt.

Beim Ausreiten ist sie an einer langen Leine, läuft schön bei Fuss und wir können sogar galoppieren, da rennt sie "lachend" nebenher. Immer wieder schaut sie zu mir hoch und holt sich ihre Bestätigung, dass sie es richtig macht.

Manche Sachen dauern länger, man muss vielleicht öfter mal nach anderen Lösungen suchen, mehr Geduld haben und manchmal ist man wütend oder auch fast verzweifelt –
aber was alles aufwiegt:

Joy ist der zärtlichste, dankbarste, aufmerksamste und liebevollste Hund, den man sich  nur vorstellen kann!

Kirsten Weiskat

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